INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber WIR Bank

Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Übersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet, den Wortlaut gross zu verändern.

Mein Name ist Salome Emch. Ich bin Sachbearbeiterin bei der WIR Bank seit 1970.

Mein Name ist Joachim Wepfer. Ich bin Leiter Controlling bei der WIR Bank und arbeite hier seit 1998.

Mein Name ist Daniele Ceccarelli. Ich bin Leiter des Rechtsdienstes bei der WIR Bank. Frau Emch und Herr Wepfer arbeiten in meinem Team und sind für die von ihnen oben erwähnten Aufgaben zuständig.

Salome Emch: Für mich bedeutet Arbeit eine gewisse Struktur, man ist unter Menschen.

Daniele Ceccarelli: Arbeit ist eine Verbindung zur Lebensgrundlage. Die materielle Lebensgrundlage bedingt grösstmögliches Interesse an der Arbeit, also auch Freude an der Arbeit. So definiere ich den Begriff Arbeit. Eine tägliche Beschäftigung, die notwendig ist für die Sicherung der Lebensgrundlage. Eine Beschäftigung, die einem mehrheitlich, beziehungsweise zum grössten Teil der Zeit, Freude bereiten sollte.

Salome Emch: Ich war in Lausanne und musste mich eigentlich gar nicht selber darum kümmern, das hat die Eingliederungsstelle für Sehbehinderte in Basel gemacht. Zuerst war es ein Versuch. Ich machte ein Praktikum. Dann meinte die Geschäftsleitung, sie möchten es mal mit einem Lehrverhältnis versuchen, denn bis anhin hatten sie noch nie Lehrlinge. Am Anfang hatte ich eigentlich sehr Mühe, es ging aber dann immer besser und so wurde ich im Oktober 1970 fest angestellt. Ich konnte in verschiedenen Abteilungen arbeiten.

Joachim Wepfer: Man muss innerhalb vom Team vielleicht ein bisschen Rücksicht nehmen. Durch die Sehbehinderung z. B. ist es so, dass Frau Emch ein wenig langsamer arbeitet als andere. Aber sonst gibt es keinen Unterschied zwischen einem Mitarbeiter ohne eine Behinderung und einem Mitarbeiter mit einer Behinderung.

Daniele Ceccarelli: Frau Emch ist die dienstälteste Mitarbeiterin hier bei uns in der WIR Bank. Seit 36 Jahren ist sie nun hier, eine beachtliche Zeit. Das zeigt, dass sie sich einerseits gut im Betrieb integriert hat und andererseits eben, dass ihre Dienste sehr geschätzt werden. Und das möchte ich an dieser Stelle auch noch erwähnen, wir sind froh, dass wir Salome Emch hier bei uns haben, sie ist eine tolle Mitarbeiterin, sowohl in menschlicher wie auch in fachlicher Hinsicht. Ja, ich möchte sagen, sie ist eine Stütze des Betriebs, auch wenn sie mir den Kaffee nicht holen möchte! (Lächelt) Aber wie gesagt, sie ist eine Stütze des Betriebs in unserem Arbeitsleben und in unserem kleinen Team. Wir sind kein sehr grosses Team, dessen Leitung ich haben darf. Frau Emch ist bestens integriert und wir haben „den Plausch“ miteinander, das merken Sie ja auch hier im Radio, wie wir miteinander umgehen. Wir machen keinen Unterschied zwischen Menschen mit einer Behinderung und Menschen ohne eine Behinderung. Natürlich, wenn sich z.B. jemand mit einer körperlichen Behinderung für eine Stelle bewirbt, an der physische Arbeit erfordert ist, hat er vermutlich keine grossen Chancen diese zu bekommen. Aber da die WIR Bank vor allem ein dienstleistungsorientierter Betrieb ist, bleibt die körperliche Verfassung eines Menschen sehr sekundär. Wenn sich bei uns jemand mit einer Behinderung bewirbt, wird diese Person genauso angeschaut wie ein Bewerber ohne Behinderung. Sie oder er wird genauso zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Wenn die Person für diese Stelle passt und die Behinderung kein Thema ist, dann ist es für uns auch kein Thema, ob wir jetzt einen Menschen mit oder ohne eine Behinderung vor uns haben.

Salome Emch: Mein Mann und ich haben noch Glück gehabt. Mein Mann ist blind und hat bei der National Versicherung auch eine gute Stelle. Aber wahrscheinlich ist bei gewissen Firmen eine Angst vorhanden, jemanden mit einer Behinderung einzustellen. Wobei der Chef wahrscheinlich noch positiv eingestellt wäre. Ich vermute, es liegt auch teilweise an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Aber wie gesagt, unser Jahrgang hat eigentlich Glück gehabt. Diejenigen die jetzt in der Schule für Sehbehinderte sind, machen wohl eine tolle Ausbildung, finden dann aber zum Teil keine Stelle. Auch Telefonistinnen mit einer guten Ausbildung gehen nachher einfach in die geschützte Werkstätte, weil sie nach x Bewerbungen keinen Mut mehr haben, weiterhin etwas zu suchen und das ist schade.

Daniele Ceccarelli: Es ist eben schon wichtig, dass Menschen mit einer Behinderung die Möglichkeit zum arbeiten haben und zwar eben nicht unbedingt an geschützten Arbeitsplätzen. Das ist eben das Problem, die Wertdefinition vom Mensch über die Arbeit an und für sich, worüber man geteilter Meinung sein kann. Das ist halt einfach das Problem unserer Gesellschaft, dass man sich über das Innehaben einer Stelle definiert. Was ich persönlich und wir alle sehr schätzen, dass Frau Emch halt eben trotz ihrer Behinderung nicht resigniert und sagt: „Ich will arbeiten, ich will am Erwerbsleben teilnehmen“, was natürlich auch für das Gemeinwesen finanziell ein Vorteil ist. Dadurch dass sie Lohn bei der WIR Bank bezieht, benötigt sie weniger von der IV. Es kommt zum rein Menschlichen dazu, dass es sich für den Staat finanziell lohnen würde, wenn man Menschen mit einer Behinderung mehr in den sogenannt „normalen“ Arbeitsprozess integrieren könnte. Was auch noch wichtig ist, dass man dem Menschen mit Behinderung die entsprechenden technischen Hilfsmittel zur Verfügung stellt. Das machen wir natürlich und werden da auch durch die IV unterstützt. Aber den Hauptteil der Kosten, was gar nicht so massiv ist, tragen natürlich schon wir. Frau Emch hat jetzt zum Beispiel einen speziellen Bildschirm mit einem speziellen Programm, was ihre Sehbehinderung in etwa ausgleichen soll. Und ich glaube, das funktioniert ganz gut, nicht wahr Frau Emch?