INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber Tschantré AG

Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Übersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet, den Wortlaut gross zu verändern.

Martin Wegmann: Mein Name ist Martin Wegmann. Ich bin 60 Jahre alt und war 20 Jahre im Bankwesen tätig. Vor rund 10 Jahren habe ich ins KMU-Lager gewechselt. Heute bin ich Mehrheits-Aktionär und aktiver Präsident der Firma Tschantré AG, die spezialisiert ist auf Haustechnik, Heizung, Lüftung, Sanitär etc.

Wir haben vor vier Jahren vom Gehörlosenverband, der in Zürich eine Schule für Hörbehinderte führt, die Anfrage erhalten, ob wir eventuell einer jungen Dame die Möglichkeit geben würden, eine Schnupperlehre als Heizungsmonteurin bei uns zu absolvieren. Da wir für alles offen sind und Mensch und Geschäft miteinander verbinden möchten, haben wir uns gedacht, wir geben ihr eine Chance.

Sie kam also zu uns, um eine Woche in einem Heizungsmontage-Team zu schnuppern. Die Monteure sind dann von sich aus zu uns, zur Geschäftsleitung, gekommen und haben gesagt, dass wir ihr eine Lehrstelle geben sollen. Sie haben gesagt, dass sie das Patronat übernehmen und so kam sie zu dieser Lehrstelle. Sie hat dann drei Jahre eine normale Ausbildung als Heizungsmonteurin absolviert.

Es braucht wie bei jedem Lehrling, oder bei jedem der etwas studiert, den Willen etwas dazuzulernen. Bei einem Menschen mit einer Behinderung braucht es vielleicht ein bisschen mehr Willen, als bei einem der Glück hatte, bei dem alles „stimmt“.

Unterstützung hat sie in dem Sinne erhalten, dass sie quasi einen Teil der Schule normal absolvieren konnte, dass ihre Behinderung nicht hindern konnte. Aber wir direkt haben keine Unterstützung erhalten. Sie hat bei uns gearbeitet wie jeder andere Lehrling und man hat sie angeleitet.

Die Verständigung zwischen ihr und ihren Arbeitskollegen hat sich relativ schnell eingespielt. Man musste eben teilweise die Hände gebrauchen um Zeichen zu geben, sowie auch deutlicher sprechen und einander von den Lippen ablesen. Aber das ging nach einiger Zeit fast automatisch.

Man sieht einfach, dass die Umgebung viel mehr Mühe hat mit der Behinderung, als der behinderte Mensch selber. Die Umgebung scheint ein schlechtes Gewissen zu haben, man könnte meinen, die Menschen hätten zum Teil das Gefühl, es sei ansteckend, oder ich weiss nicht was. Ich glaube, sobald diese Schwelle abgebaut ist, was natürlich in einem Berufs-Verhältnis und im Alltag relativ schnell geschieht, wird das Leben auch einigermassen normal. Dann wird auch die Behinderung nur noch zu einem Teil-Aspekt. Sie ist zwar vorhanden und man muss damit leben. Sie hat gewisse Nachteile und Auswirkungen, aber sie wird zum Bestandteil des Lebens.

Was vielleicht eine besondere Bedeutung bekam, war der Faktor „Risiko am Arbeitsplatz“. Die Unfallverhütung als solches. Ein Mensch mit einer Hörbehinderung hört gewisse Faktoren und Geschehnisse nicht „kommen“ oder weniger als wie ein „Normalhörender“. Also, für gewisse Situationen musste man ihre Arbeitskollegen dazu anhalten, noch vorsichtiger zu sein als sonst, damit es keine Unfälle gibt. Der Mensch mit Hörbehinderung reagiert auf vieles einfach anders, weil er es nicht hört.

Parallel ging sie in die Hörbehinderten-Schule nach Zürich und hat da die theoretische Ausbildung absolviert. Die praktische Ausbildung fand in unserer Firma statt.

Ich glaube, das schöne Erlebnis auf der „Zeitachse“ ist vor allem, dass sie aufgelebt und Freude daran hatte, die Chance erhalten zu haben. Und für uns als Geschäftsleitung war es vor allem das Schöne, das menschliche Erlebnis im Team. Dass ihre Arbeitskollegen plötzlich angefangen haben, normal den Alltag zu leben mit einer solchen Behinderung. Da kann man eigentlich nur anderen Arbeitgebern den Mut wünschen, es einfach auch mal auszuprobieren. Es hat eine tiefe, menschliche Befriedigung zur Folge. Intern muss vor allem ein „Götti“ oder ein „Gotti“ gefunden werden, oder ein Team, ein Patronat, eine Person oder eine Gruppe, die sich sagt, da möchte man jetzt menschlich etwas dazu beitragen und quasi das „Götti/Gotti-Amt“ für den Menschen mit einer Behinderung übernehmen. Das bedeutet ein bisschen mehr Zeitaufwand, gibt aber eine umso grössere Befriedigung, ganz einfach vom Menschlichen her. Ich finde einfach, dass man allgemein viel mehr beitragen könnte. Wir jammern zwar in der Schweiz und leiden auf sehr hohem Niveau. Aber wenn in Thailand Ueberschwemmungen passieren, dann bezahlen viele Menschen viel Geld auf Konten ein und haben mit dem Griff zu ihrer Geldbörse ihr Gewissen bis zu einem bestimmten Grad entlastet. Ich meine, wenn jeder Grossbetrieb pro 100 oder 200 Mitarbeiter einem Menschen mit einer Behinderung die Chance geben würde, einen Arbeitsplatz zu bekommen und dadurch ein normales Leben führen zu können, würde das den Betrieb vielleicht lohnkostenmässig 10% mehr auf diesen einen Mitarbeiter kosten. Aber wenn man es volkswirtschaftlich betrachtet, hat man vielleicht einen Invaliditätsfall verhindern können. Eine Vollinvalidität, die den Staat und uns als Steuerzahler unter dem Strich wesentlich mehr kostet. Darum erwähne ich diese Vision. Ich bin im Moment daran, eine Kampagne zu lancieren und zu propagieren, dass Grossbetriebe Menschen mit einer Behinderung wieder vermehrt Chancen für Arbeit geben sollten. Früher gab es, nur so zum Beispiel, viele blinde Telefonistinnen. Auch heute würden sich geeignete Arbeitsplätze finden. Ich habe das Gefühl, dass heutzutage die meisten Grossbetriebe mehr mit dem Bonus ihrer Geschäftsleitungs-Mitglieder beschäftigt sind, als einfach für Menschen wieder mal etwas zu tun.