INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber Stadtgärtnerei
Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Uebersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet , den Wortlaut gross zu verändern.
Mein Name ist Linda Setz. Ich bin Betriebsleiterin der Gärtnerei, die zur kantonalen Verwaltung gehört. Wir gehören zum Amt „Stadtgärtnerei“. Dieses betreibt eine eigene Gärtnerei, die Pflanzen und Blumen produziert, welche dann in der Stadt in die Rabatten kommen.
Mein Name ist Alfred Kaufmann. Ich bin als Zierpflanzen-Gärtner angestellt.
Ich bin Eveline und bin jetzt hier in der Stadtgärtnerei im 1. Lehrjahr. Davor habe ich eine Anlehre gemacht, also 2 Jahre mit Unterstützung der IV, weil ich eine heikle Kindheit hinter mir habe. Jetzt in der Lehre habe ich keine IV mehr, das ist ja eigentlich sehr gut.
Linda Setz: Wir haben hier ideale Voraussetzungen, um mit Menschen zu arbeiten, die eine Beeinträchtigung irgendwelcher Art haben. Wir geniessen eine super Lage inmitten der Grün 80 auf ebenerdigem Gelände. Es gibt keine Treppen, einfach eine grosszügige Anlage. Es herrscht kein übermässiger Wirtschafts-Druck, weshalb wir uns dachten, wir nutzen dies, um solchen Menschen den Einstieg in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Für diejenigen mit einem körperlichen Gebrechen oder z. B. mit starken Rückenschmerzen ist es eher schwierig, in einer Gärtnerei zu arbeiten und Menschen mit einer geistigen Behinderung sind meistens schon mit einer Rente ausgestattet. Der grösste Handlungsbedarf besteht bei jenen Menschen, die mal im Leben eine Krise gehabt haben und jetzt wieder bereit wären integriert zu werden. Diese kommen dann oft zu uns.
Eveline: Die Ausbildung bedeutet für mich sehr viel, ich finde es „cool“, dass ich hier lernen darf und hoffe, dass ich gut durchkomme. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mich sehr gut aufgenommen und das schätze ich an ihnen.
Alfred Kaufmann: Solche Arbeitsverhältnisse sind sehr individuell, manchmal ist es einfach, wie jetzt z. B. mit Eveline. Am Anfang war sie ein wenig zurückhaltend und scheu, aber nach einiger Zeit hat sie sich eingegliedert und eigentlich bald als vollwertige Mitarbeiterin gegolten. Das ist leider nicht immer so. Denn da gibt es andererseits auch Menschen mit irgend einer anderen Behinderung, die sind schwieriger, die sind unselbständiger und brauchen sehr viel Zeit. Man weiss dann nicht, kann man sie dies oder das alleine machen lassen oder muss ich nebendran stehen. Dann gibt es auch Arbeiten, die man als Gärtner einfach alleine machen muss. Zum Beispiel spritzen. Man muss dann einen solchen Angestellten allein auf sich gestellt lassen und weiss nicht so recht, ob das jetzt geht.
Linda Setz: Das sind meistens Menschen die noch keine Rente haben, die am Anfang eines Abklärungsverfahrens innerhalb der IV sind. Bei uns wird ihre Leistungsfähigkeit abgeklärt. Man schaut, ob sie wieder ins normale Wirtschaftsleben integriert werden können oder ob sie eben eine IV-Rente bekommen müssen. Gerade in Alltagssituationen erleben wir immer wieder überraschende Reaktionen von Menschen, die auf kollegiales Miteinander-Umgehen speziell sensibel reagieren oder was wir eben unter kollegialem Zusammenarbeiten verstehen. Dann merkt man auf einmal, dass etwas ganz anders verstanden wird, als es eigentlich gemeint gewesen wäre. Oft sind das Sensibilitäten, spezifisch an dieser Person, die einem am Anfang gar noch nicht bekannt waren, man aber plötzlich realisiert. „Ui, das ist ein heikler Punkt“ und dann ist es aber schon zu spät. Manchmal ist daraufhin schon viel Geschirr zerschlagen, bevor dieser bestimmte Punkt eben überhaupt bekannt war. Man muss dann schauen, wie man das wieder hinkriegt. Es gelingt nicht immer, das müssen wir schon zugeben, es sind auch schon Menschen davongelaufen. Meistens kriegen wir es aber auch wieder hin. Man findet einen andern Umgang miteinander, bei dem man diese Eigenschaft dann berücksichtigt. Mit solchen Situationen müssen wir speziell umgehen.
Eveline: Ich kann mich hier gut verständigen. Wenn ich Probleme habe, kann ich fragen gehen und die Fragen werden mir beantwortet.
Alfred Kaufmann: Man lernt interessante Menschen kennen, bei denen man nicht merkt, dass sie etwas haben. Man führt interessante Gespräche mit ihnen, bei denen Probleme sichtbar werden, die man vorher nicht gekannt hat. Die IV braucht es halt doch, denn es geht ja nicht um eine Gruppe von Menschen, die einfach einen Haufen Geld braucht. Hier geht es wirklich um Menschen die Probleme haben.
Linda Setz: Wir haben mehr oder weniger als „Selfmade-Betrieb“ angefangen. Wir haben uns gesagt, wir fangen einfach mal an. Nun sind wir immerzu am Leute ausbilden. Aber dafür brauchen auch wir eine Weiterbildung, so dass wir wenigstens eine Ahnung von diesen sozialen Grundfertigkeiten bekommen. Es geht einfach alles langsamer, weil diese Menschen auch betreut werden müssen. Das sind dann Kosten die real entstehen, die wir aber von der IV zurückerstattet bekommen. Es heisst immer wieder, das wären teure Arbeitskräfte, ich behaupte aber, dass das so nicht stimmt. Die sind nicht teuer, die sind kostenneutral. Wir bekommen von der IV etwa soviel, dass die Kosten egalisiert sind. Man muss einfach berücksichtigen, dass jeder Mensch ein anderes Leistungspotential mitbringt. Die einen kommen und arbeiten quasi voll mit, die anderen, ja bei denen dauert es ziemlich lange, bis man merkt, wie selbständig sie arbeiten können oder eben nicht. Man fängt mit gewissen Arbeiten an und wenn man merkt, dass es nicht geht, fährt man langsam herunter, bis man halt je nachdem beim wischen ankommt. Das ist soweit auch okay, wir haben sehr vielseitige Aufgaben bei uns in der Gärtnerei und können alle einsetzen. Gewisse bringen uns ein wenig mehr, andere beschäftigen wir halt einfach so. Diese setzen wir dann nicht dort ein, wo wir den grössten Zeitdruck haben. Wenn wir Menschen bei uns haben, die gut „funktionieren“, ist das kein Problem. Jene Menschen, bei denen man merkt, dass sie eher im Weg herumstehen, die beschäftigt man irgendwo anders, nett und höflich. Wertvoll sind sie alle.
Alfred Kaufmann: Durch dieses Zusammenarbeiten wird man offener und ist glücklich mit der eigenen Situation, dass es einem nicht so schlecht geht. Man lernt es wieder zu schätzen, wie gut es einem selber geht.
Eveline: Wie gesagt, ich wurde gut aufgenommen, das finde ich toll. Auch wie andere aufgenommen werden, egal wie sie sind. Die Kommunikation ist mit allen verbreitet. Es ist auch so, dass man mich mal fragt wie es mir geht, oder wie es zuhause geht.
Linda Setz: Es wäre natürlich schön, wenn die Wirtschaft ihre Verantwortung ernst nehmen würde und Arbeitsplätze, die keine wahnsinnigen beruflichen Anforderungen stellen, auch mal mit solchen Menschen besetzen würde. Wir hatten schon einige Angestellte, bei denen man sagen musste: „ Wenn die die richtige Arbeit hätten, könnten sie 100% arbeiten“. Wir hatten zum Beispiel einen Mann mit Epilepsie, der konnte nicht auf die Leiter. Einfach nichts was gefährlich ist. Wenn er den richtigen Betrieb findet, arbeitet dieser Mann voll als GärtnerInnen oder als was auch immer.
Eveline: Ich träume jetzt davon, dass die Wirtschaft sich dafür einsetzt, dass es auch für diese Menschen eine Möglichkeit gibt etwas zu machen, dass sie auch eine Arbeit haben. Diese Menschen im Rollstuhl oder auch die, die nichts hören, dass sie nicht mit leeren Händen da stehen.