INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber Stadtcasino
Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Übersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet, den Wortlaut gross zu verändern.
Mein Name ist Felix Bigliel. Ich bin Direktor im Stadtcasino. Darin integriert sind die Galileo Bar, die Brasserie du Casino, das Papa Joe's, der Boulevard und die Terrassen.
Mein Name ist Hilmar Rudolf. Ich bin Küchenchef in der „Brasserie du Casino“ im Stadtcasino in Basel.
Felix Bigliel: Für mich bedeutet Arbeit s e i n . Arbeit ist Leben. Arbeit ist das, was dich am Gehen treibt und bei dem man von Morgen früh bis Abend spät eigentlich macht . Gewisse Typen nur eine Stunde lang, andere nur in bestimmten Stunden und in gewissen Momenten, aber Arbeit ist das, was unser Leben bestimmt.
Hilmar Rudolf: Für mich bedeutet arbeiten in erster Linie soziale Integration. Immerhin verbringe ich fast 80% meines Lebens mit Arbeit.
Felix Bigliel: Die Anstellung eines Menschen mit einer Behinderung ist bei uns auf eine lustige Art und Weise entstanden. Der Personalchef hat ihn eingestellt, wir haben aber erst nach einer Woche entdeckt, dass er überhaupt eine Behinderung hat. Er hat eine Verkrümmung im Arm, hat also einen kürzeren Arm. Er kaschiert das aber so wunderbar, man merkt es ihm nicht an, weshalb wir es anfänglich gar nicht realisiert haben. Er ist ein hervorragender Arbeiter. Das einzige was ihn vielleicht anders macht: durch diese Verkrümmung ist er natürlich nicht ganz so fest belastbar, also nur was körperliche Kraft anbelangt.
Hilmar Rudolf: Das Merkwürdige ist, am Anfang habe ich gar nicht gewusst, dass wir einen Mitarbeiter mit einer körperlichen Behinderung haben. Als ich es dann erfahren habe, war ich zu Anfang eigentlich positiv überrascht, weil man es ihm im Prinzip gar nicht angemerkt hat. Die zweite Reaktion war natürlich: „okay, wie wirkt sich diese Behinderung aber im Zusammenhang mit Stress und schwerer körperlicher Arbeit aus?“ Berührungsängste in Verbindung mit seiner Behinderung gab es in meinen Augen überhaupt keine. Er ist für mich ein ganz normaler Mitarbeiter wie jeder andere auch. Das einzige sind wirklich nur die schweren Arbeiten, welche er einfach nicht allein erfüllen kann, bei denen wir ihn dann aber tatkräftig unterstützen.
Felix Bigliel: Er ist ganz einfach gut, das ist es. Wäre er nicht gut, käme vielleicht der Gedanke auf, „aha, das ist die Behinderung“, aber dem ist nicht so, er ist gut. Meine Erfahrung mit Behinderungen ist natürlich geprägt durch meine Tochter, die schwer behindert gewesen und leider nicht mehr hier ist. Aber das hat natürlich eine ganz andere Beziehung zur Behinderung gegeben. Für mich ist auch sehr, sehr differenziert, ob es um körperliche oder geistige Behinderung geht. Es ist ganz klar, dass es auch beides zusammen geben kann. Aber dadurch, dass ich eine betroffene Tochter gehabt habe und mit dem gelebt habe, ist Behinderung, egal ob jetzt geistig oder körperlich, für mich etwas ganz Natürliches geworden. Etwas was mich nicht abschreckt, so wie vielleicht andere Menschen. Oder weil man bei der Arbeit oder auch im Zwischenmenschlichen sich dessen immer bewusst war, ist es irgendwie etwas viel Normaleres geworden. Durch meine Tochter bin ich ganz sicher sensibilisiert was Behinderungen anbelangt. Ich weiss von mir, dass wenn ich jetzt drei Bewerber habe und alle drei sind gut, einer der Bewerber aber eine Behinderung hat, ich dann vermutlich den Menschen mit einer Behinderung nehmen werde, weil das jetzt halt einfach bei mir drin ist, das „Soziale“, das „Sehen-“ und das „Helfenwollen“.
Berufliche Chancengleichheit für Menschen mit einer Behinderung ist immer, meine ich, abhängig von der Art und dem Grad der Behinderung. Einen Läufer ohne Beine kann ich mir genau so wenig vorstellen, wie jemanden an der Schreibmaschine oder am Computer ohne Hand. Aber ich glaube, dass jeder Mensch mit einer Behinderung sich trotzdem beruflich entfalten und entwickeln kann, denn jeder Mensch hat Talente in sich, ob er jetzt eine Behinderung hat oder nicht.
Hilmar Rudolf: Man reagiert irgendwie ganz anders, wenn man auf der Strasse unterwegs ist, oder wenn man Vorstellungsgespräche hat, oder so, man überlegt dann schon. Im Prinzip hat ja jede/r Mitarbeiter/in, beziehungsweise jeder Mensch, ob mit oder ohne Behinderung eine Chance verdient. Aber man macht sich wahrscheinlich schon eher Gedanken, wenn man bereits eine/n Mitarbeiter/in mit einer Behinderung im Team hat.
Ich habe mir natürlich auch schon überlegt, wie es wäre mit einer Behinderung zu leben. Man kommt in gewisse Grenzsituationen, Gefahrensituationen, wo man überlegt „ups, das war eng“, „das war jetzt aber knapp“ und dann „was wäre wenn“ oder „was passiert wenn“. Wären andere Arbeitgeber genauso flexibel wie man selber ist? Wie würde man weiter behandelt im Leben? Da macht man sich natürlich schon Gedanken.
Felix Bigliel: Die Frage „Stelle ich einen Menschen mit einer Behinderung ein, ja oder nein?“ Darf es für einen Arbeitgeber doch gar nicht geben. Ein Mensch ist ein Mensch, er hat Fähigkeiten und Talente, ist ein guter Typ oder nicht, ob mit oder ohne Behinderung. Wenn sich ein Mensch mit einer Behinderung für einen bestimmten Arbeitsplatz vorstellt, dann weiss er, dass ihn diese Behinderung für diese Arbeit nicht stört. Dann soll das doch mich als Arbeitgeber auch nicht stören. Dann muss er mir passen als Mensch. Finde ich ihn toll, kann er etwas, was hat er gelernt? Ob jetzt diese Hand gut ist oder nicht, das ist doch sekundär, er braucht sie ja eh nicht für diese Stelle, für diesen Job, für den er sich eben vorstellt.