INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber First Catering, Zürich
Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Uebersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet , den Wortlaut gross zu verändern.
Mein Name ist Markus Oberholzer. Ich bin Gründer und Inhaber der Firma First Catering Produktion AG, die ich im Jahr 1995 gegründet habe und bin heute auch CEO dieses Unternehmens.
Mein Name ist Stefan Lauer. Ich bin 38 Jahre alt und arbeite im Lager bei First Catering. Ich für mich nenne das Arbeitstherapie. „Ich bin ausgelagert im Lager“. Auch die Arbeiten der anderen habe ich schon gemacht. Ich arbeite schon seit 10 Jahren hier.
Ich bin Frau Windler und arbeite auch bei First Catering. Die Arbeit macht mir sehr Spass und ich bin vielseitig einsetzbar.
Ich bin Anna-Sofie Mäder und arbeite hier bei der Notz Produktion als Gruppenleiterin. Ich bin zu 50% angestellt. Hauptsächlich arbeite ich mit, produziere mit und schaue, dass die Abläufe stimmen und das Material vorhanden ist. Auch bin ich dafür besorgt, dass es den Menschen hier gut geht.
Markus Oberholzer: In diesen Jahren, seit wir angefangen haben zu arbeiten, sind wir ganz natürlich und selbstverständlich gewachsen. Das Ganze ist zu einem Volumen herangewachsen das wir, der Zeit entsprechend, wirtschaftlich gesehen ökologisch und ökonomisch nicht mehr als sinnvoll angeschaut haben. Wir dachten, ökologisch, ökonomisch und sinnvoll wäre es, Menschen mit Behinderungen eine reale Arbeitsmöglichkeit zu bieten. Ich habe dann entschieden, dass wir den ganzen Prozess im Betrieb integrieren und damit genau diese Probleme lösen könnten. Wir offerieren Menschen mit Behinderungen in der geschützen Werkstatt wieder eine Tagesstruktur, integrieren sie so und lösen auf diese Weise im Gegenzug den ökologisch, ökonomischen Wahnsinn mit diesem Transfer. Als Unternehmen haben wir auch eine soziale Verpflichtung, eine Verantwortung, die wir leben und wahrnehmen müssen. Das ist ein Teil von unserem Leitfaden. Wir haben uns klar gesagt, dass wir die Verantwortung aktiv leben und nicht in Form von Spendengeldern unser schlechtes Gewissen Ende Jahr beruhigen.
Stefan Lauer: Ich bin seit 12 Jahren IV-Rentner. Die Diagnose „Schizophrenie“ ist ganz klar schon krass und wenn man IV bezieht, ist man natürlich bereits ausgegrenzt. Man ist ärmer als das Existenzminimum, obwohl man arbeitet. Ich fühle mich akzeptiert, wobei es immer drauf ankommt, wie man auf die Menschen zugeht.
Frau Windler: Und ich muss Menschen um mich haben. Ich habe zwar Haushalt und zwei Kinder zuhause. Aber wenn ich nur zuhause wäre, würde ich zugrunde gehen.
Anna-Sofie Mäder: Zum Teil drückt es ein wenig durch, dass MitarbeiterInnen der Firma Berührungsängste haben, wenn jemand Neues ins Catering arbeiten kommt. „Ui, da hat es Behinderte, das ist ja ganz komisch“. Dann schauen sie mal und merken, die essen am gleichen Tisch wie wir, machen Pause wie wir. Es normalisiert sich dann relativ schnell. Ab und zu fällt wieder ein Spruch. Dann klemmen wir ab und geben zu verstehen, dass wir ja auch mit ihnen am gleichen Tisch essen müssen, also können sie auch mit uns essen. Das ist etwas, was nur noch vereinzelt vorkommt und gerade sofort abgeklemmt wird. Das Positive am Ganzen ist die Durchmischung. Also unsere MitarbeiterInnen sind nicht an einem geschützen Arbeitsplatz wo alle gleich sind. Darüber hinaus entstehen aber auch Freundschaften.
Markus Oberholzer: Gewisse Ängste waren selbstverständlich da. Man konnte sich nicht an ein Projekt anlehnen oder an etwas Gleichgelagertes, weil es nichts gibt und auch nichts gegeben hat. Damit sind berechtigterweise gewisse Ängste da gewesen. Weil wir (gemeint sind MitarbeiterInnen) nicht mit Menschen mit einer Behinderung aufgewachsen sind oder zusammen leben oder arbeiten, bedeutet es eine grosse Unbekannte. Ich darf aber sagen, nach diesen drei Jahren, seit wir Menschen mit einer Behinderung integriert haben, war das eigentlich eine völlige Fehleinschätzung und Ängste, die man entwickelte, die keine Berechtigung hatten. Im Gegenteil, es ist ein absolutes Erfolgsprojekt und gesamthaft einfach nur eine Bereicherung für das ganze Unternehmen.
Stefan Lauer: Ich habe schon normal gearbeitet, in der privaten Wirtschaft. Habe gemeint, das sei mein Lebensjob. Dann habe ich „dumme Sachen“ gemacht und es ging mir psychisch nicht so gut. Danach ging alles bachab. Jetzt bin da und bin zufrieden.
Anna-Sofie Mäder: Am Morgen jeweils können die Stimmungen sehr schnell kippen. Man weiss nicht, wie die Gemütszustände sind. Aber ich übe dann nicht den gleichen Druck aus, wie ich das in der freien Marktwirtschaft mit sogenannt „normalen Menschen“ tun würde. Wenn es Stress gibt in der Besteckgruppe, nur so zum Beispiel, probieren wir als Gruppenleiter diesen abzufangen. Natürlich bekommen das die andern MitarbeiterInnen auch mit. Aber hier behandeln wir Menschen mit einer Behinderung schon anders, weil diese sonst sehr schnell aufgeben würden.
Markus Oberholzer: Diese Mitarbeitenden arbeiten ja mit einem besonderen Arbeitsvertrag, einem Shop-in-Shop-Konzept. Herr Notz, der die Fachkompetenz und die Ausbildung hat um mit solchen Menschen zu arbeiten, hat eine einfache Gesellschaft gegründet, bei dem ich ihm geholfen habe. Sie sind bei ihm angestellt, aber das ist eine rein vertragsrechtliche, beziehungsweise juristische Auslegung, damit wir da korrekt vorgegangen sind. Auf dieser Grundlage können diese Menschen hier arbeiten. Für die betroffenen MitarbeiterInnen ist es ganz einfach. Sie arbeiten in der First-Catering Produktions AG und das ist für sie die private Wirtschaft, also ein normaler Arbeitgeber und ein normales Arbeitsumfeld. Unberechtigte Ängste stehen meistens im Weg, die eigentlich ein erfolgreiches Konzept verzögern und verspätet einführen lassen. Ein Konzept, das man schon längstens implementieren und anwenden könnte. Wir haben nur Positives darüber zu vermelden.
Stefan Lauer: Dass alle von Anfang sehr offen waren, ist sehr schön. Wenn ich mal finanziell ausgebrannt bin, kann ich für Kaffee-Geld fragen gehen. Oder wenn ich sonst Probleme habe, kann ich zu Herrn Notz oder zur Gruppenleitung. Es ist schon ein schönes Erlebnis.
Markus Oberholzer: Zusammenfassend können wir sagen, es gibt so viele kleine, schöne und berührende Erlebnisse, wenn man sich bewusst die Begegnungen der vielen Menschen mit ihren verschiedenen Kulturen anschaut. Es sind weit über zwanzig verschiedene Nationalitäten. Wenn Sie sehen, wie diese Menschen untereinander eine Sprachfindung haben und miteinander leben, das ist einfach grossartig. Es gibt auch berührende, traurige Momente, wenn man an Menschen denkt, die ausgeschieden sind, Todesfälle die auf tragische Weise eingetroffen sind. Wie dann das Gefühl „Zusammensein“ zum Tragen kommt. Dazu kann ich nur sagen, da können wir andern, wir „Aussenstehende“ nur lernen und profitieren. Zu sehen, wie Menschen die in einer Randgesellschaft leben zusätzlich noch mit solchen Geschehnissen belastetet werden und damit umgehen können, das ist absolut und ganz einfach nur zu bewundern!