INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber Extratel AG
Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim übersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet, den Wortlaut gross zu verändern.
Mein Name ist Konrad Huber. Ich bin Leiter des Call-Center und verantwortlich für alles Operative.
Mein Name ist Katrin Rotschild. Ich arbeite seit fünf Jahren bei der Extratel AG in Basel. Ich bin Call-Center-Agentin und seit meiner Geburt sehbehindert. Ich sehe auf dem linken Auge nur noch hell-dunkel und rechts noch zwanzig Prozent.
Konrad Huber: Die Firma Extratel ist ein Dienstleistungsunternehmen für Dritte. Wir erbringen Kontaktcenter-Dienstleistungen. Das können Grossunternehmen wie auch Kleinunternehmen sein, für die wir Telefonanrufe entgegennehmen. Wir bieten die ganze Bandbreite, eben halt alles was mit Telefonaten zu tun hat.
Katrin Rotschild: Arbeit bedeutet eigentlich, irgendwie wie alle anderen zu sein. Die Mehrheit aller Menschen muss arbeiten, im Sinne von weil man ja etwas zum Leben braucht, aber auch, weil man dadurch eine Erfüllung hat. Ich meine, Ferien sind toll, aber man sieht es auch nur als Ferien an, wenn man das Arbeiten auch kennt. Es ist das, was man zum Leben braucht, aber auch etwas was einem eine Befriedigung, eine Struktur oder einen Inhalt gibt.
Konrad Huber: Auf den ersten Blick könnte man ja meinen, telefonieren kann jeder, sofern er sprechen und hören kann. Das geht aber weiter, das ist nur der erste Eindruck, den man vielleicht hat, es braucht sehr viel mehr. Das unterschätzt man. Es braucht viel, um diesen Job wirklich ausüben zu können. Es wird dann natürlich entsprechend geschult und betreut. Voraussetzung von uns aus ist, dass eine abgeschlossene Ausbildung da ist. Das kann im Verkauf oder im Kaufmännischen sein. Das ist sicher mal die Grundvoraussetzung. Ein weiterer Punkt sind die Fremdsprachen. Unsere Angestellten sollten auch in Korrespondenz sicher und eher mehr der extrovertierte Typ sein. Das sind so ganz kurz zusammengefasst die wichtigsten Vorraussetzungen.
Katrin Rotschild: Da wo ich jetzt bin, bei der Extratel, welche eben keine sogenannte Sozial-Institution ist, habe ich eigentlich erfahren, dass man einfach einmal probieren sollte, eine „normale“ Arbeitsstelle zu bekommen. Man sollte versuchen, bei einem eventuellen Arbeitgeber Vorurteile und Hemmungen abzubauen, Unwissen oder mangelndes Interesse zu wandeln. Trotzdem muss man mit einer Absage rechnen, in welcher die Behinderung als Grund angegeben wird.
Konrad Huber: Wir sind von der Eingliederungsstelle für Sehbehinderte angefragt worden, ob wir mal einen Versuch starten würden. Ich muss vielleicht im voraus sagen, wir hatten die Erfahrung schon. Wir haben in der Aussenstelle bereits einen Mitarbeiter der sehbehindert ist. Dadurch haben wir gewusst, dass die Arbeit am Telefon geht. So sind wir eigentlich dazu gekommen, dass wir heute zwei Mitarbeiter beschäftigen, welche unterschiedlich stark sehbehindert sind.
Katrin Rotschild: Konkret hätte ich mal gern, ich kann das auch erzählen, bei der Telehilfe gearbeitet, vor etwa zwölf Jahren. Habe meine schriftlichen Unterlagen eingereicht, von Hand geschrieben und zusätzlich mit dem Computer. Versehen mit dem Vermerk, dass aufgrund meiner Sehbehinderung, meine Schrift sehr schwer leserlich sei. Ich wurde dann zum Gespräch aufgeboten. Das war eben der Fall, wo man mich kein einziges Wort gefragt hat, wie sich denn meine Sehbehinderung auswirke. Ich finde das sehr komisch, denn wenn man etwas nicht kennt und keine Fragen dazu stellt, kommt wirklich die Frage auf, ob das Interesse überhaupt da ist. Ich habe sie dann darauf angesprochen, ob sie noch etwas wissen möchten bezüglich meiner Sehbehbehinderung. Sie meinten als Antwort: „Nein“. In der Absage stand dann: „Aufgrund Ihrer Sehbehinderung, ist es uns nicht möglich, Sie ins Team zu integrieren.“
Konrad Huber: Es war dann so eine Art Aufbauarbeit. In ihrem Fall haben wir Auftrag für Auftrag dazu genommen, bis es soweit war, dass es jetzt im Speziellen keinen Unterschied mehr gibt, welche Arbeiten sie macht und welche Aufträge sie betreut. Der Computer selber ist der gleiche wie alle anderen auch. Die Technik sonst, wie die Anrufe hereinkommen, ist auch die gleiche. Wir müssen nichts verändern. Das ist wie bei den anderen Mitarbeitern auch.
Katrin Rotschild: Ist es schon so weit, dass sich die Menschen derart wenig Chancen bei Bewerbungen ausrechnen, sie womöglich gar nicht mehr schicken; oder haben ganz einfach viele resigniert?
Konrad Huber: Mittlerweile haben wir zwei Mitarbeiter, die unterschiedlich stark sehbehindert sind. Jetzt beginnt dann bald ein Dritter. Wir haben nun doch schon einige Erfahrung. Es braucht technische Voraussetzungen, die sichergestellt werden müssen. Wir mussten uns herantasten. Es ist natürlich nicht unbedingt das gleiche Arbeiten für einen Menschen mit einer Sehbehinderung, wie für einen der keine Probleme hat. Damit mussten auch wir lernen umzugehen. Es galt Lösungen herauszufinden. Bei Frau Rotschild haben wir eine grosse Auflösung, also eine grosse Vergrösserung auf dem Monitor. Bei der gänzlich erblindeten Mitarbeiterin, ist es natürlich ein ganz spezielles Programm mit einer Hörverstärkung, respektive sie hört dann den Text. Der Text wird ihr von dieser Software vorgelesen, wodurch sie dann das „sieht“, was wir Sehenden auf dem Bildschirm lesen können. Bei ihr ist es so, dass sie eine Brailletastatur hat und über diese Tastatur auch noch lesen kann. Diese Zusammenarbeit ist für unser Unternehmen eine Bereicherung. Es hält vielleicht den anderen Mitarbeitern vor Augen, dass es auch anders geht. Dass es nicht so selbstverständlich ist, wenn man keine Einschränkung hat. Wir machen null Unterschied. Wir haben, abgesehen von diesen Anpassungen an Monitor und Computer, eigentlich im Betrieb keine Veränderungen oder Anpassungen vorgenommen. Es finden sich alle genau gleich zurecht.
Katrin Rotschild: Ich bin eigentlich dafür, dass man es ausspricht. Natürlich gibt es Menschen, die unterschiedlich empfindlich reagieren. So wie es bei so genannt nicht behinderten Menschen verschiedene Charaktere gibt, gibt es sie auch bei uns. Es gibt jene, die waren von Geburt an behindert, oder jene die später im Verlaufe ihres Lebens z.B. unfallbedingt oder durch Krankheit behindert wurden, zum Teil immer noch gezeichnet vom Schock. Natürlich reagiert jemand da empfindlich, wenn irgend etwas „falsch ankommt“. Natürlich kann so etwas immer passieren. Es gibt Menschen die 1 Meter 63 gross sind und mal eine blöde Antwort geben, trotzdem ist man ab diesem Moment nicht übervorsichtig bei all denen die 1 Meter 63 gross sind.
Konrad Huber: Das Wichtigste ist, dass man den Mut hat sich mit diesem Thema überhaupt einmal auseinanderzusetzen. Dass man nicht im vornherein abblockt und meint „das geht bei uns ja sowieso nicht“. Bei uns war es ähnlich, aber wir wollten diesen Schritt machen. Wir wussten, gewisse Investitionen sind unumgänglich, nicht nur technischer Art, sondern auch vom Manpower her. Dass jemand speziell beistehen musste bei der Einarbeitung. Das sollte man einfach wissen, aber gleichzeitig bereit sein, diesen Weg zu gehen. Die Firma beziehungsweise die Geschäftsleitung muss klar ausdrücken, wir machen das, wir gehen diesen Weg, wir probieren es. Die Zielsetzung muss so sein, dass die Angestellte/der Angestellte die Leistungen genau gleich erbringt wie jede/jeder andere auch. Da unterscheiden wir nicht. Die Motivation darf nicht Barmherzigkeit oder „Goodwill“ sein. Unser Betrieb ist knallhartes Business an und für sich. Das bedeutet eine hohe Anforderung. Von daher, denke ich, dass genau diese Einstellung zur Akzeptanz der Kolleginnen und Kollegen führt. Sie sehen, dass die Anforderungen an Menschen mit einer Behinderung genau die gleichen sind, wie an sie selbst. Dafür ist die Integration dann auch sichergestellt.