INTERVIEW „zuMUTbar“- Arbeitgeber Coop

Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Übersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet, den Wortlaut gross zu verändern.

Mein Name ist Martin Weber. Ich bin 56 Jahre alt und arbeite als Stapelfahrer bei Coop.

Mein Name ist Barbara Schneider. Ich bin Betriebs-Sozialarbeiterin bei Coop am Hauptsitz. Ich bin Anlaufstelle für Coop-MitarbeiterInnen, die irgendwelche Fragen haben rund um familiäre oder betriebliche Schwierigkeiten, Finanzen, Gesundheit, oder rechtliche Situationen.

Martin Weber: Arbeit bedeutet Einkommen und das braucht jeder Mensch. Man kommt am Morgen und je nachdem was für Menschen da sind, stellt das einen auf. Man weiss für was man arbeitet. Man kann sich dann dies und das leisten. Ich muss etwas haben, was ich machen kann und deshalb bin ich jetzt da. Ich habe Schwierigkeiten mit Anmeldungen, da kommt ein normaler Arbeiter nicht mit klar. Deshalb braucht er eine Anlaufstelle, an die er sich wenden kann. Ich habe das Glück, dass wir einen Sozialdienst in der Firma haben. Andere haben das nicht, die müssen auf die Gemeinde. Wenn die auf der Gemeinde so jemanden sehen, verwerfen sie schon die Hände „aha Sozialabteilung“, das haben sie damals auch zu mir gesagt und ich habe geantwortet: „Ich möchte keine Sozialabteilung, ich möchte eine Überbrückung. Es geht nur um eine Überbrückung, das hat mit sozial nichts zu tun“. Danach muss man all seine Ersparnisse, Bankauszüge, einfach alles was man hat, bringen und zwar auf den letzten Rappen genau. Nun werden die Unterlagen durchgesehen und bemerkt: „Hier ist noch dies und hier ist noch das, man könnte dies noch verkaufen...“, dann geht es weiter an die IV. Danach kommen die IV-Anmeldungen und das geht dann eine Ewigkeit. Auf der IV-Stelle weiss zum Beispiel keiner was der andere macht. Bei mir war der Fall so, ich musste antraben, musste reden und das Interview wurde gemacht. Dann hiess es: „Sie kriegen keine IV, aus dem einfachen Grund, weil Sie einen anderen Arbeitsplatz finden können“. Ich habe gefragt: „Ja, was denn für einen Arbeitsplatz?“, und als Antwort bekam ich : „Irgendwo, wo Sie sitzen können, dann können Sie acht Stunden sitzen und können zum Beispiel den roten Bleistift zu den Roten legen, und den grünen Bleistift zu den Grünen“. Meine Antwort war: „ Das ist für mich kein Arbeitsplatz, da werde ich blöd, das geht nicht“. Zum Glück habe ich mich dann wieder zu meinem Arbeitgeber begeben, auf das Sozialbüro zu Frau Schneider. Ich habe ihr erzählt, dass die IV dies und das meinte. Ich habe ihr die Unterlagen gegeben und sie hat sie sich angeschaut.

Barbara Schneider: Ich habe genau gewusst, wo ich mich wie wehren kann, wo es welche Rekursmöglichkeiten gibt, wo man nochmals anklopfen kann und wie man rekursfähigen Entscheid einfordert. Das sind Angelegenheiten, die ich gewusst habe, weil ich sie gelernt habe. Herr Weber hat das nicht gelernt und war dementsprechend in Bedrängnis. Er musste seine Miete bezahlen, sein Essen einkaufen und seine Familie durchbringen. Ich habe mich zeitweise mit ihm zusammen enerviert (aufgeregt), darüber wie lange diese Wege gehen und wie viel Papier und Unterlagen er bei verschiedenen Büros von neuem wieder vorweisen musste, obwohl die schon mal zusammengesammelt wurden. Also bei mir weckt das dann eher so eine Art Widerspruchswillen.

Martin Weber: Wir haben einen Sozialdienst. Bei diesem habe ich mich gemeldet und dann ging es vorwärts. Mit all meinen Papieren und allem was ich hatte, bin ich hingegangen und es wurde bearbeitet. Man wird nicht einfach auf ein Abstellgleis gestellt: „Ja wir klären es ab....“ das habe ich lange genug erlebt... mit diesem „abklären“, Büro 1 sei zuständig für das, dann geht man dort hin, aber dann heisst es, sie wüssten von dem nichts, man müsse ins Büro 5 u.s.w., u.s.w. Da wird alles hinaus gezögert und man wird dadurch noch nervöser als man schon ist. Was durch die hinausgezögerte Zeit die Folge sein kann, ist dass die betroffene Person ausflippt. Ich selber bin so ein Typ, der gerne mal ausflippt. Aber wenn ich dann „ausflippe“ ist es ja auch negativ für mich. Deshalb sollte all das einfach viel, viel besser organisiert werden.

Barbara Schneider: Als er den negativen Bescheid erhielt, er hätte keinen Anspruch auf IV-Leistung, da er an einem angepassten Arbeitsplatz 100% arbeiten könnte, war es für mich keine Frage, dagegen zu rekurieren. Natürlich in seinem Auftrag, ich unternehme nichts einfach so und fragte ihn, ob er das so möchte. Er wollte das auch und ich konnte gut begründen, dass er einen angepassten Arbeitsplatz hat. Wir haben zusammen geschaut, wie viel Prozent er arbeiten kann. Er hat wirklich alles versucht, von ganz wenigen Prozenten bis 100%, wir haben wirklich alle Varianten ausprobiert. Welche Bewegungen kann er machen, was geht nicht! Er hat sich sehr engagiert, um sich diesen Arbeitsplatz zu erhalten. So konnte man diesen anpassen und das war dann auch der Grund für den Rekurs, in dem wir erklären und belegen konnten, dass der Arbeitsplatz bereits angepasst sei und wir alles ausprobiert hätten. Wir konnten all das auch dokumentieren. Es liegt jetzt ein 50% Pensum drin innerhalb der angepassten Tätigkeit. Danach hat man, auf seine Arbeitskraft bezogen, den Invaliditätsgrad nochmals überprüft. Herr Weber hat dann nachträglich rückwirkend die halbe IV-Rente zugesprochen bekommen.

Martin Weber: Danach habe ich mit der Firma zusammen geschaut, dass der Arbeitsplatz besser gemacht wird. Ich habe einen neuen Vertrag erhalten, auf der Basis des alten, aber anstelle von 100% nur noch 50%. Das alles hat funktioniert und ich bin heute noch am gleichen Arbeitsplatz, wo ich vor bald 15 Jahren angefangen habe.

Barbara Schneider: Als Schutzengel habe ich mich insofern verstanden, als dass ich wirklich das Gefühl hatte, ich müsste Herrn Weber vor sich selber schützen. Da es ihm auch mal „den Hut hebt“ wenn er sich ärgert, wie er dies ja selbst beschrieben hat. Ich kann nachvollziehen, dass dies einen ärgert, wenn man warten muss und wenn die Zuständigkeiten nicht klar sind. Ich kann auch nachvollziehen, dass es einem „den Hut hebt“, aber der einzige, der gebüsst hätte, wäre er selber gewesen. Darum habe ich mich eben so verstanden, ich muss ihn vor sich selber schützen. Aber auch bei öffentlichen Stellen kann ich mir vorstellen, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gut beraten werden und gut aufgehoben sind. Denn es gibt auch dort wirklich gut ausgebildete Angestellte. Diese sind tatsächlich daran interessiert, die Abläufe zu vereinfachen. Darüber hinaus gibt es aber auch Betriebs-Sozialdienste, die von Extern arbeiten, die eben dann nicht zur Firma gehören. Diese Variante würde ich dem Arbeitgeber und der Arbeitgeberin empfehlen. Da wäre zum Beispiel die Movis, ideal vor allem für kleinere Unternehmungen. Ich selber war auch mal tätig für Movis. Dort arbeiten super ausgebildete Sozialarbeiterinnen. Man kann sie entweder zu 20% oder auf Abruf engagieren. Das wären genau diese Anlaufstellen, wohin man sich als Arbeitgeber und als Arbeit- nehmer hinwenden könnte. Man bezahlt dort eine Art „Miete“ für diese Dienstleistung. Einem Arbeitnehmer oder einer Arbeitnehmerin würde ich in solchen Situationen jedoch raten, zuerst zu einer öffentlichen Stelle zu gehen. Herr Weber hatte jetzt Pech gehabt, dass die Zuständigkeiten nicht klar gewesen sind, dass Dinge nicht übergeben, beziehungsweise nicht weitergeleitet wurden. Aber wie gesagt, auch an diesen Stellen gibt es gut ausgebildete Profis, deren Interesse es ist, Abläufe reibungslos stattfinden zu lassen.

Martin Weber: Etwas Positives am Ganzen ist, dass ich gelernt habe zu sparen, also noch extremer zu sparen. Ich kann nur eins sagen: „Ich danke Gott und Frau Schneider, meinem Schutzengel und einfach, dass ich beim Orangen Riesen bin“. Dem Orangen Riesen kann ich nur eines sagen,: „Ich danke, dass ich meinen Posten noch habe. Dass ich noch meine 4-5 Jahre arbeiten darf, das ist wichtig für mich. Dass ich wieder eine Leistung erbringen kann, auch wenn leider nur zu 50%“, und hoffe, dass er das sieht. Unser Riese sieht das auch, sonst hätte er mich schon lange raus geworfen. Er ist zufrieden mit mir und ich bin überglücklich, dass ich hier sein darf!