INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber Aqua Christ

Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Übersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet, den Wortlaut gross zu verändern.

Enrico Ravasio: Mein Name ist Enrico Ravasio, ich arbeite bei der Firma Christ Aqua als Geschäftsführer. Christ Aqua ist spezialisiert für Wasseraufbereitung. Wir machen Enthärtungsanlagen für Einfamilienhäuser bis hin zu grösseren Anlagen für die Industrie. Unser Ausgangsprodukt ist immer das Trinkwasser. Aus dem Trinkwasser bereiten wir dann reines Wasser auf. 

Ruedi Suri: Mein Name ist Ruedi Suri, ich arbeite seit 10 Jahren bei der Firma Christ Aqua, Abteilung Lager/Spedition im Büro. Ich möchte präzisieren, ich fing bei der Firma Christ Aqua mit einem amputierten Bein und somit einer Prothese an zu arbeiten. Später wurde mir das andere Bein auch noch amputiert, sodass ich von da an im Rollstuhl war.

René Mamedow: Mein Name ist René Mamedow, ich bin Bereichsleiter in der Abteilung, in der Herr Suri arbeitet. Ich schätze Herrn Suri sehr, er ist überaus flexibel, er arbeitet in der Logistik und verbucht dort sämtliche Warenausgänge. Aber es geht noch weiter, trotz seiner Behinderung und im Rollstuhl macht er sogar Botengänge. Er graviert nebenbei noch Schilder, um unsere Anlagen zu bezeichnen, eben wie gesagt, Herr Suri ist sehr flexibel. 

Enrico Ravasio: Wir haben 160 Mitarbeiter. Im Moment ist die Wirtschaftslage für uns sehr positiv und wir sind über die aktuelle Situation sehr glücklich. Wir haben einen Mitarbeiter mit einer Behinderung. Herr Suri, er ist beinamputiert und arbeitet bei uns seit 10 Jahren. Grundsätzlich unterscheide ich schon zwischen Menschen mit einer Behinderung und sozial gezeichneten Menschen. Wir haben auch Mitarbeiter, die krank sind, aber nicht behindert, das sind dann eher Sozialgeprägte. Ich betrachte Herrn Suri nicht als sozialgeprägt, sondern als Menschen mit einer Behinderung, weil er voll arbeitet bei uns. Wir haben beides in unserer Firma, Menschen mit einer Behinderung, sowie sozialgeprägte Menschen. Wir mussten ein paar Dinge ändern, aber vielleicht kann ja Herr Suri selber erzählen, was wir machen mussten. Eher kleinere, nicht grosse Änderungen.

Ruedi Suri: Beim Eingang hat es eine kleine Rampe, damit ich den Büroeingang mit dem Rollstuhl gut erreichen kann. Auf der Toilette habe ich einen Halter, an dem ich mich festhalten kann. Ein Parkplatz vor dem Haus wurde für mich reserviert. Das ist eigentlich schon alles, was man für mich machen musste.

René Mamedow: Als er ein anderes Büro bekam, haben wir als erstes die Büroschränke tiefer gesetzt, so dass er vom Rollstuhl aus alles gut bedienen kann. 

Enrico Ravasio: Ehrlich gesagt, es war kein Aufwand, der in finanzieller Hinsicht ein Problem gewesen wäre.

René Mamedow: Der einzige Unterschied zu einem andern Angestellten ist, dass Herr Suri nicht gehen kann, sondern im Rollstuhl durch unsere Hallen flitzt und im Rollstuhl am Bürotisch sitzt. Aber sonst gibt es keinen Unterschied, weder für uns noch für ihn. 

Ruedi Suri: Ich finde, ich bin hier ganz toll integriert und habe nicht das Gefühl, dass man mich irgendwie umgeht. Ich fühle ich mich sehr wohl hier. Ich bin nicht einfach so rein gerutscht, ich war schon hier, bevor ich in den Rollstuhl kam. Das hat mir natürlich die Sache vereinfacht. Mich hat man schon gekannt, bevor ich behindert geworden bin. Da ich schon zuvor hier gearbeitet habe, konnte ich in etwa abschätzen, wie ich weiterarbeiten werde. Was sicher ab und zu der Fall sein wird, dass ich Menschen antreffe, bei denen ich merke, die sind mit meiner Situation im Rollstuhl überfordert. Das tut irgendwie weh, aber wenn ich mich dann frage, wieso das so ist, muss ich mir eingestehen, dass diese Menschen, wie gesagt, ganz einfach überfordert sind. Ich muss auf diese Menschen zugehen und sagen „ Du, hast du irgend ein Problem mit mir?“ Dann folgt sehr oft ein Lacher, ein Lächeln, worauf wir zusammen lachen können. Danach  entsteht eine Beziehung. Ich denke das ist sehr wichtig! 

Enrico Ravasio: Wir hatten immer das Gefühl gehabt, wir sollten uns engagieren. Es ist uns ein Bedürfnis, grundsätzlich jemandem helfen zu können. Wir haben immer daran festgehalten, wir stellen gerne Menschen mit einer Behinderung ein. Entscheidend aber ist, dass wir diesen Menschen dann wie die anderen Mitarbeiter behandeln sollten. Der Mensch mit Behinderung sollte bei der Anstellung keine grossen Vorteile haben, sowie auch keine Sonderbehandlung, wenn wir irgendwie Mühe haben, wenn es Probleme gibt oder er die Leistung nicht erbringt. Wir müssen einander gegenüber ehrlich bleiben, ob es miteinander funktioniert oder nicht funktioniert. Auch bin ich der Meinung, dass eine Behinderung nicht die Garantie für den Joberhalt sein sollte. Wir haben das in diesem Sinne auch mit Herrn Suri besprochen. Das ist der Jetzt-Zustand und für mich ist das okay. Wir haben ihn eingestellt, haben ihm so eine Freude gemacht, aber er weiss, dass seine Behinderung keine Lebensversicherung bedeutet. Klar ist es schön für uns, wenn wir helfen können! Wir sollten ehrlich sein, sollten dem Menschen mit einer Behinderung sagen, dass wir keine Probleme haben ihn einzustellen, nur weil er eine Behinderung hat. Aber wir erwarten von ihm die Leistung, die wir miteinander vereinbart haben. Wenn er die Leistung erbringt, ist das wunderbar, wenn er sie nicht erbringt müssen wir uns wieder trennen. Diese gegenseitige Ehrlichkeit würde ich auf jeden Fall empfehlen, so dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn irgendwas passieren sollte. Dass man einfach ehrlich miteinander reden kann, weil das von Anfang an so vereinbart wurde. Das ist für mich das Wichtigste, ehrlich sein mit dem Menschen mit einer Behinderung, keine Nachteile entstehen lassen, aber auch keine Vorteile bieten, das ist für mich das Entscheidende, falls wir in eine schwierige Situationen geraten sollten. 

René Mamedow: Wie wir auch von Herrn Suri gehört haben, gibt es gewisse Berührungsängste. Wir führen praktisch keine Gespräche darüber. Was ich aber einfach feststellen kann, dass die Kollegialität sehr gross ist, speziell im Team in dem er arbeitet, in der Logistik.  Auch wie Herr Ravasio und alle andern anlässlich eines Festes zu ihm geschaut, ihm geholfen haben, ist einfach vorbildlich und schön. Also, ich finde es ganz toll.

Ruedi Suri: Ich möchte mich recht herzlich bedanken, dass Herr Ravasio und Herr Mamedow sich für dieses Interview zur Verfügung gestellt haben. Das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich. Ein ganz tgrosses Dankeschön.