INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber Restaurant blindekuh Basel
Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Uebersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet , den Wortlaut gross zu verändern.
Sonja Hohgraefe, Betriebsleiterin Restaurant blindekuh Basel
Manuela Keller, arbeitet an der Rezeption und als Tutti im Restaurant blindekuh Basel
Giuseppina Dib, arbeitet als Servicemitarbeiterin im Restaurant blindekuh Basel
Sonja Hohgraefe: Die ursprüngliche Idee kam eigentlich 1998. Damals gab es eine Ausstellung in Zürich „Dialog im Dunkeln“, wo das erste mal wirklich Blinde und Sehbehinderte die Führung für Sehende übernommen haben. Man hat da schnell realisiert, dass es eigentlich toll wäre, eine feste Institution daraus zu machen und hat dann gleichzeitig mit dem Expo Projekt 02 eben das Projekt blindekuh Zürich in Angriff genommen. Das hat dann sehr grosse Erfolgsgeschichte geschrieben, da es natürlich auch weltweit das erste Dunkel-Restaurant überhaupt war. Nach dieser Erfolgsgeschichte haben die Inhaber vor gut drei Jahren überlegt, ein zweites blindekuh-Restaurant zu eröffnen und sind dann sehr schnell auf den Standort Basel gekommen. Und nun sind wir eben seit über eineinhalb Jahren in Basel, auf dem Gundeldinger-Feld.
Manuela Keller: Ich meine, es ist eine Mischung zwischen wahnsinniger Neugier, aber auch ganz extremer Nervosität. Da man, ich sage jetzt mal, Blinde nicht einfach so kennenlernt, sondern die klassischen Szenen aus dem Fernsehen vor Augen hat, dass man z.B. angefasst wird, das macht einem Angst. Aber an und für sich dauert dieser Zustand nur solange, bis man mal angefangen hat miteinander zu reden und von da an geht es tiptop.
Sonja Hohgraefe: Also eine bestimmte Ausbildung muss nicht vorhanden sein. Ich will sagen, wir haben alles MitarbeiterInnen eingestellt, die keine Erfahrung in der Gastronomie haben. Obwohl, ein paar der Angestellten sind noch von der Expo und ein paar vom Restaurant blindekuh in Zürich. Aber was sie natürlich brauchen ist ein gewisses Selbstbewusstsein, eine gute Orientierung und sie müssen sprachgewandt und offene Menschen sein, ganz klar! Ein verschlossener Mensch, der wirklich nur über die Kommunikation lebt, funktioniert bei uns nicht. Ja, und er oder sie muss selbstverständlich auch gut ins Team passen.
Giuseppina Dib: Für mich ist das eigentlich in diesem Sinne kein Problem, weil ich mir gewohnt bin, dass ich mit Blinden aber auch mit Sehenden zusammen bin. In diesem Fall ist das für mich ja auch nichts Neues, von dem her. Ja, meine Familie und auch meine Freunde sind eigentlich immer begeistert gewesen vom Konzept blindekuh und haben gemeint: „Ist toll, gehst du da arbeiten.“
Sonja Hohgraefe: Also wir haben natürlich starke Unterstützung durch Selbsthilfe-Projekte im Blindenwesen, viele private Gönner, den Lotteriefonds, so in dieser Richtung. Aber so wirklich staatliche Hilfe wie z.B. die IV, gibt es nichts, weil das Projekt blindekuh von der Stiftung Blind-Liecht, selbsttragend sein sollte. Es ist sehr ungewohnt, wenn man auf einmal morgens gesagt kriegt: „Ach dir geht es heute nicht gut“, man aber eigentlich versucht hat, nach aussen hin das Gesicht zu wahren, die Schauspielerei eben, die im Grunde genommen jeder hat. Man ist sich gar nicht bewusst, dass ein blinder oder sehbehinderter Mensch es nur an der Stimme hört, wenn es mir heute nicht gut geht. Das sind natürlich schon starke Erfahrungen, die man in einem solchen Moment macht. Aber Berührungsängste gibt es eigentlich nicht, man muss sich ein bisschen aneinander gewöhnen, weil es einfach etwas anders ist. Man kann zum Beispiel nicht im Restaurant etwas umräumen oder umstellen und dann sagen: „okay wir haben das und das geändert, guckt es euch bitte an und dann weiss es jeder.“ So einfach geht das nicht. Man muss bei uns viel mehr kommunizieren, ausführlicher kommunizieren.
Giuseppina Dib: Ich komme gerne arbeiten, denn ich bin gerne unter Menschen. Für mich ist es eine grosse Herausforderung, weil ich sehende Gäste habe, die ich bedienen darf. Durch diesen Rollenwechsel, wenn wir im Dunkeln sind, sind diese Menschen völlig auf mich angewiesen. Ich bin immer wieder fasziniert, wie begeistert eben diese Menschen sein können, wenn man ihnen zum Beispiel den Teller hinstellt, dann heisst es manchmal: „oh, das riecht gut“ oder „oh, dieser Wein duftet gut“. Oder wenn jemand einen Kaffee erhält und dann sagt: „oh, da riecht es nach Kaffee“. Es sind solche Dinge, die ich als faszinierend empfinde, wie der sehende Mensch eigentlich so reagiert im Dunkeln und dass er sich wirklich auf die anderen Sinne konzentriert.
Manuela Keller: Die meisten Gäste kommen heraus und sind in erster Linie froh, dass sie wieder etwas sehen. Sie sind aber auch sehr begeistert davon, was unsere Servicemitarbeiter alles wissen. Wie fix das Ganze eigentlich geht, dass das Essen da steht, dass die Getränke da sind, also wirklich durchwegs absolut positiv. Die Gäste sind happy, wenn sie heraus kommen. Und die meisten möchten auch wieder kommen.
Sonja Hohgraefe: Es ist schon jedes Mal toll, wenn man sieht wie fasziniert die Gäste heraus kommen. Diese Begeisterung, die man sonst bei den Menschen eigentlich nicht mehr so mitkriegt. Wir sind alle immer abgestumpfter und man hat auch keinen Kontakt mehr zueinander. Man geht manchmal auf der Strasse sogar auf die andere Seite, man geht sich so also wirklich aus dem Weg. Bei uns ist das alles ganz anders. Man sitzt manchmal mit fremden Menschen an einem Tisch und jeder kann selber entscheiden, nimmt er Kontakt zum Nachbarn auf oder nicht, verbal natürlich. Wenn die Gäste dann heraus kommen und sich kennen gelernt haben, drinnen, und dann noch beieinander bleiben wollen, das ist schön. Manchmal lassen sie es aber auch. Ja, es ist einfach toll, wenn man sieht, wie begeisterungsfähig die Menschen doch noch sind, Situationen, wie sie eben im „normalen“ Alltag nicht stattfinden.
Manuela Keller: Man kriegt ein ganz anderes Bild vom Ganzen, man schaut sich die Dinge ganz anders an. Geht intensiver, ganz klar, auch mit dem ganzen Thema um, da man mit Menschen zusammenarbeitet, die sehbehindert sind. Ich denke, für mich am meisten verändert hat sich, dass wenn ich früher noch gedacht habe, irgendwann mal nichts mehr zu sehen, das ja furchtbar sein muss. Das ist heute eigentlich nicht mehr so. Weil ich gelernt habe, dass diese Menschen anhand ihrer Fantasie und dem was sie hören und fühlen im Prinzip genauso viel sehen wie wir, nur anders halt.
Giuseppina Dib: Es ist wirklich etwas Schönes, wenn man arbeiten gehen kann, selbst wenn man müde nach Hause kommt, sich aber trotzdem sagen kann: „Doch, es war ein schöner Abend“. Man hatte vielleicht auch ein bisschen Stress, aber es war toll und man ist eigentlich zufrieden.
Sonja Hohgraefe: Richtig Frust hatte ich im Restaurant blindekuh eigentlich auch noch nicht gehabt. Was uns natürlich alle freuen würde wäre, wenn wir noch ein bisschen mehr Gäste hätten, unter der Woche vor allem. Es ist manchmal schon ein bisschen frustrierend, wenn wir an einem Abend wirklich nicht viele Gäste haben. Obwohl wir alle da sind, alle bereit sind, alle gerne arbeiten würden und dem Gast das Erlebnis ermöglichen möchten.
Manuela Keller: Ich denke, ein wunderschöner Moment ist, ganz klar, wenn das Vertrauen wirklich vorhanden ist. Sei das jetzt von uns Sehenden zu den Blinden und Sehbehinderten, wie als auch umgekehrt, das ist natürlich ein sehr schönes Gefühl. Wir sind ganz klar wahnsinnig zusammengewachsen in den letzten mehr als eineinhalb Jahren, während denen in der Zwischenzeit die blindekuh nun existiert. Eine Zeit, in der es am Anfang natürlich noch gewisse „Holpersteine“ gegeben hat, weil man sich nicht gekannt hatte und weil man nicht genau wusste, wie miteinander kommunizieren. Weil man auch mehr erklären, vielleicht auch mal was zeigen musste. Dinge eben, die am Anfang vielleicht nicht so ganz funktioniert haben. Das ist in der Zwischenzeit absolut kein Thema mehr, es funktioniert tiptop.
Sonja Hohgraefe: Also, arbeiten mit Menschen mit einer Behinderung, dazu muss ich sagen, es kommt auf die Situation an. Was für ein Betrieb es ist, ob der Betrieb die richtige Grösse hat, um wirklich einen Menschen mit einer Behinderung einstellen zu können. Aber wenn der Betrieb die richtige Grösse hat, würde ich sagen, „Mensch, sei ein wenig toleranter und versuche es einfach mal, guck ihn dir wenigstens einmal an und lerne ihn kennen“. Denn bei diesem Arbeitsuchenden steckt auch ein Mensch dahinter und nicht nur die Behinderung!