INTERVIEW “zuMUTbar“- Arbeitgeber Arbel Film

Um inhaltlich wie auch emotional eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussagen unserer Interview-PartnerInnen zu gewährleisten, haben wir beim Uebersetzen vom Dialekt in die Schriftsprache ab Tonträger darauf verzichtet , den Wortlaut gross zu verändern.

Mein Name ist Däni Wegmüller. Ich bin Projektleiter, Texter und Konzepter bei Arbel Film.

Mein Name ist Bela Böke. Ich bin Inhaber und Gründer von Arbel GmbH und bin „zuständig dafür, dass der Karren läuft“, helfe aber auch gerne mit beim Filme schneiden, Konzepte gestalten etc. Arbel Film macht Werbefilme, Imagefilme, aber auch Dokumentarfilme, unter anderem das Projekt „Integration von Menschen mit Behinderung im Arbeitsalltag“.

Bela Böke: Kurz zusammengefasst, vor circa vier bis fünf Jahren wurden wir von der Heilpädagogischen Schule Basel angefragt, ob wir einen Film zum Thema „Integrationsklassen in Basel“ drehen möchten. In der Folge wurden vier weitere Filme produziert, welche die integrative Schulung thematisieren. Bei uns tauchte dann die Frage auf: „was passiert mit den Kindern und Jugendlichen nach der Schule?“ So haben wir uns entschlossen, einen Dokumentarfilm zu drehen, welcher jetzt noch in Bearbeitung ist.

Däni Wegmüller: Wir mussten uns irgendwann für eine Struktur des Filmes entscheiden. Wir wollten in der Auswahl von dem was wir zeigen möglichst breit sein. Irgendwann mussten wir uns entscheiden, wie der Film unterteilt sein soll. Wir haben uns für die klassische Variante entschieden und unterteilten nach Sinnesbehinderung, sowie körperlicher, geistiger und psychischer Behinderung! Im Film stellen wir jemanden mit Sinnesbehinderung, jemanden der gehörlos und jemanden der blind ist vor. Damit möchten wir aufzeigen, dass jede Behinderung ihre speziellen Folgen und Umstände hat, mit denen man differenziert umgehen muss! Es gibt nicht einfach „Die Behinderte“ oder „Der Behinderte“.

Bela Böke: Man realisiert vor allem, wenn ein Mensch blind ist. Dies empfand ich sehr stark mit blinden Kindern in der Schule. Sie wissen nicht, wo ich stehe und von wo aus ich filme. Wenn ich nicht aufmerksam bin, laufen sie in mich hinein. Ein sehender Mensch weiss wo ich stehe. Ich bin also gefordert, immer mitzudenken und mich in die Situation zu versetzen. Ich möchte ein Erlebnis mit Annelies schildern. Sie ist blind. Wir haben an einem Fluss Aufnahmen gemacht und immer wieder sind Flugzeuge über uns hinweg geflogen. „Schon wieder nichts mit Interviews“ war klar für uns. Wir haben Annelies etwas gefragt und sie gab ein Interview-Statement ab. Als wir erwähnten, dass die Kamera nicht an war, meinte sie: „Aha, die Kamera war nicht an.“ Sie ging davon aus, dass ich filme. Dass ich ohne Kamera vor ihr stehe, konnte sie ja nicht sehen, daran habe ich nicht gedacht. So wird der Unterschied zwischen blind und sehend natürlich extrem spürbar.

Däni Wegmüller: Selbstverständlich müssen wir uns anpassen, indem wir uns auf die Personen einstellen. Wenn wir z.B. mit einer Person die blind ist unterwegs sind und sie sich am Arm einhängt, übernehmen wir die Funktion des Blindenführhundes. Dann muss man schon extrem aufpassen. Es kann zu Situationen kommen, in die man sich so nicht hinein versetzen kann. Ich lief mit Annelies auf eine Rolltreppe zu, ihren Blindenführhund „Diablo“ im Schlepptau und der hat gesperrt. Bis dann Annelies bemerkt hat, „aha, wir laufen auf eine Rolltreppe zu, die man ja nicht benutzen sollte....!“ Ich habe das nicht gewusst, oder nicht daran gedacht, dass das gefährlich sein könnte.

Bela Böke: Der jetzige Film ist Eigenmotivation, das heisst wir haben selber ein Konzept und ein Drehbuch entwickelt. Daniel Wegmüller hat dann dieses Projekt an verschiedenen Stellen eingereicht. Dadurch haben wir von Bund, Gleichstellungsbüro, Kanton und Stiftungen Geld erhalten. Aber schlussendlich sind wir selber die Auftraggeber und können den Film so gestalten, dass der Inhalt wichtig ist. Und nicht dass irgend jemand drein redet, weil er es so oder so möchte, zB aus politischen Gründen. Da sind wir sehr frei und wir machen es so, wie es in Wirklichkeit ist.

Däni Wegmüller: Also, ich muss sagen, das Projekt ist ja nicht aus dem Nichts entstanden. Behinderung war für uns, als Firma, schon vorher immer ein Thema. Insofern hatten wir einen recht freien Zugang dazu. Wir mussten an unserer Einstellung nichts verändern. Natürlich ist man nicht frei von Vorurteilen, aber man probiert so frei wie möglich zu sein. Aus diesem Grund mussten wir uns auch nicht neu einstellen. Aber es ergeben sich sehr wertvolle, interessante Erfahrungen. Man merkt immer wieder, dass man an eine Grenze stösst, bzw. diese Menschen stossen an eine Grenze. Das spüren und dokumentieren wir natürlich auch stark. Insofern ist es letztendlich ein Mitgefühl, welches wir entwickeln und probieren damit umzugehen, um ihnen damit helfen zu können.

Bela Böke: Als Filmer bin ich es gewohnt, dass Passantinnen und Passanten, sobald sie die Kamera und die Lampen sehen, reagieren und stehen bleiben. Das hat sich auch in diesen speziellen Situationen nicht geändert. Im Gegenteil, sie haben nur noch mehr geschaut, als wir mit Annelies und dem Blindenführhund durch den Bahnhof spaziert sind. Das hat bei mir aber nichts ausgelöst, so im Sinne von „ui, die gaffen jetzt noch mehr, weil wir einen Menschen mit Behinderung filmen“.

Däni Wegmüller: Auf der ganzen Strecke dieses Projekts gibt es immer wieder schöne Erlebnisse. Aber was immer wieder das schönste für uns ist, wenn so etwas wie ein Dankeschön zurückkommt. Dass diese Menschen mit Behinderung dankbar sind, wenn man sich um sie kümmert. Als Annelies ein Praktikum bei Radio X machen konnte, ist ein gutes Beispiel. Sie hat mich zwei, drei Wochen nach Beginn des Praktikums angerufen und gesagt: „Danke vielmals, Du bist mein rettender Engel, ich finde das eine so tolle, spannende Sache!“ Da sie zu dieser Zeit in einer nicht ganz einfachen Lebenssituation war, ergab sich durch dieses Praktikum ein Lichtblick in ihrem Empfinden. Es war etwas, an dem sie sich festhalten konnte. Das sind dann eben die schönen Momente, wenn auch wieder etwas zurückkommt. Schlussendlich wissen wir nicht, was wir bewegen, wie wir etwas bewegen und was dadurch ausgelöst wird. Man spürt einfach, es kommt etwas zurück.

Bela Böke: Ein guter Freund hat eine Behinderung. Er hatte einen schweren Autounfall, war eigentlich klinisch tot und ist wieder zurück gekommen. Er ist jetzt IV-Rentner, quasi abgestempelt und darf nicht mehr arbeiten. Genau hier liegt das Problem. Eigentlich möchte er arbeiten, darf aber von der IV aus nicht. Das heisst, er muss sich irgendwelche Beschäftigungs-Therapien selber organisieren. Ich habe ihn als Assistenten zu uns geholt. Gerade für Menschen mit einer Behinderung, die von der IV als „Du bist IV-Rentner“ abgestempelt werden, ist Arbeit wichtig, solange noch welche verrichtet werden kann. Sie brauchen Abwechslung und Beschäftigung, ansonsten werden sie noch mehr zum Psycho-Fall. Mein Freund nun hat angefangen Videofilme aufzunehmen. Dann hat er mir beim Filmen geholfen, hat mir geholfen Modellflugzeuge zu bauen usw. und so etwas aus seinem Alltag gemacht. Früher hat der Mensch gejagt und gesammelt. Er musste sich seinen Lebensunterhalt mit viel Arbeit erkämpfen. So denke ich, ein Mensch ohne Arbeit ist kein Mensch. Einfach rumsitzen zu m ü s s e n ist unmenschlich. Heute möchte mein Freund etwas erreichen, so wie ich. Einfach rumsitzen gibt es für ihn nicht. Auch meine ich, dass es für einen Menschen mit Behinderung noch viel schlimmer ist als für einen nichtbehinderten Menschen, wenn er nicht mehr darf, aber gerne etwas machen würde. Deshalb ist es so wichtig, dass man für Menschen mit einer Behinderung einen Weg findet!