INTERVIEW „zuMUTbar“ - Arbeitgeber Eingliederungsstätte BL
Mein Name ist Peter Paulmichl. Ich bin Leiter der Werkstätte Reinach innerhalb der Eingliederungsstätte BL. Wir sind ein Betrieb, der geschützte Arbeitsplätze anbietet und führen auch noch eine Werkstatt in Liestal. In Basel haben wir auch noch das „zweifach“. Das ist eine Art „Dépendance“ mit integrativen Arbeitsplätzen von der Eingliederungsstätte BL.
Mein Name ist Heinz Nussbaum. Ich arbeite erst seit kurzem hier im „zweifach“. Vorher habe ich in Reinach in der Eingliederungsstätte gearbeitet. Ich brauchte einfach mal eine andere Arbeit, ein anderes Umfeld und eine andere Umgebung. Ich stelle fest, dass ich bei dieser Arbeit auch mehr Bewegung habe. Ich nehme all diese Fahrräder auseinander und putze sie.
Mein Name ist Kurt Hess. Ich bin seit dem Anfang, also seit Mai 06 hier, und bin der offizielle „Professional Bikecleaner“. Das heisst, Fahrräder, die hier hin kommen, putze ich so gut es möglich ist. Wenn die Fahrräder geputzt sind, bringe ich sie nach hinten in die Werkstatt, wo zwei weitere Personen diese dann reparieren.
Peter Paulmichl: Eigentlich ist das etwas, was wir schon lange mit uns herumtragen, dass wir einerseits geschützte Arbeitsplätze anbieten möchten, innerhalb der Werkstatt, aber auch integrative, oder eben integrierte Arbeitsplätze in der Gesellschaft. Zuerst haben wir ein Schwimmbad-Restaurant geführt in Arlesheim und Reinach. Danach haben wir etwas gesucht, das man das ganze Jahr durch betreiben kann, mit Arbeitsplätzen an denen man sich näher an der Gesellschaft befindet. Das Schwierigste ist natürlich zuerst einmal die Lokalität. Diese muss irgendwo in einer sehr urbanen Umgebung sein, sehr städtisch. Wir haben verschiedenste Lokalitäten angeschaut und sind hier im „Gundeli“, das ja eigentlich eine Stadt innerhalb der Stadt ist, auf einen optimalen Ort gestossen. Dann kam natürlich die ganze Infrastruktur, die man brauchte. Diese hat man probiert mit viel Eigenmitteln und Eigenleistung aufzubauen. Bei einem solchen Projekt muss man, wie immer natürlich, mit den Kosten sehr sparsam umgehen. Darauf begann man die zukünftigen Mitarbeitenden zu rekrutieren. Erste Arbeiten wie z.B. Fahrräder reinigen und reparieren, Kleider verlesen etc. wurden vorbereitet, so dass man einen gewissen Vorlauf hatte. Das Geschäft konnte dann Mitte Mai eröffnet werden.
Heinz Nussbaum: Arbeit bedeutet für mich viel. Vor allem in der heutigen Zeit muss man ja eigentlich froh sein, wenn man Arbeit hat. Mir gefallen die Fahrradarbeiten vor allem gut, weil ich viel mehr Bewegung habe. Denn vorher beim Löten bin ich nur gesessen und hatte immer die gleiche Haltung. Das ist beim Putzen, Auseinandernehmen und Flicken der Fahrräder nicht der Fall, da macht man immer wieder andere Bewegungen.
Kurt Hess: Eigentlich haben wir es lustig, doch gibt es auch Tage, an denen wir uns die Meinung sagen. Aber ich denke, dass das ganz normal ist. Es ist so wie in einem normalen Betrieb. Ich bin jetzt in einem gewissen Alter und habe mir gesagt, ich möchte bis zu meiner Pensionierung nochmals eine neue Herausforderung annehmen. Und das hier finde ich positiv, das muss ich offen sagen.
Heinz Nussbaum: Also ich finde, es ist vor allem wichtig, dass man sich auch ausserhalb der Situation hier, bei anderen Anlässen, versucht unter die „Nichtbehinderten“ zu begeben. Ich finde es wichtig, dass man auch „Nichtbehinderte“ kennenlernen soll und dass man, wenn möglich, auch zusammen arbeiten kann. Ich finde es auch gut, wenn man mehr solche Möglichkeiten schafft. Ich meine, Menschen mit einer Behinderung haben je nachdem gleich viel Geschicklichkeit wie diejenigen ohne eine Behinderung, oder sie bringen ähnlich viel Geschicktheit und Können mit. Darum wäre ich eben sehr dafür, dass mehr solche Situationen geschaffen werden. Was ich vor allem schade finde, dass es gewisse Menschen gibt, welche Menschen mit Behinderungen vielleicht nicht akzeptieren möchten, weil sie vermuten, dass sie dies oder das nicht können. Ich sage mir, ein Mensch mit Behinderung ist genauso ein Lebewesen wie ein Mensch ohne Behinderung auch. Ich finde einfach, Menschen mit einer Behinderung sollten normalerweise die gleichen Rechte haben, auch wenn sie je nachdem vielleicht nicht so schnell oder flexibel sind. Man sollte auch ihnen eine Chance geben.
Peter Paulmichl: Mir ist sehr wichtig, wir reden immer von einem Menschen mit Behinderung, aber wir als Arbeitgeber sehen im Vordergrund nicht die Behinderung, sondern eben die Fähigkeit. Das Fahrrad flickt man ja nicht mit der Behinderung, sondern mit der Fähigkeit. Darum probieren wir bewusst, den ressourcenorientierten Ansatz zu pflegen und haben das auch so in unserem Leitbild integriert. Wir wollen eigentlich nicht die Behinderung in den Vordergrund stellen. Schlussendlich hat jeder Mensch irgendwo, irgendwie eine Behinderung, sei das weil er eine Brille trägt oder weil er etwas nicht kann, was andere können. Das sind jenachdem auch schon Behinderungen. Von dem her ist es wirklich so, dass die Fähigkeit das ist, was für uns wichtig ist und wirklich zählt.
Heinz Nussbaum: Also, wenn man komisch angesehen oder man nicht respektiert wird, oder wenn man gerade von Anfang an als Behinderter angeschaut wird, wenn man spürt, dass die Andern sich denken „Die können das eh nicht!“, das sind meine Hemmschwellen. Ich sage mir, man muss den Behinderten die Chance geben, auch mit Nichtbehinderten zu arbeiten. Ob es jetzt die Zusammenarbeit ist, aber auch bei Sportanlässen, oder zum Beispiel beim Samariterverein oder so, man sollte einfach allgemein den Behinderten mehr zugestehen, sie mehr Verantwortung übernehmen lassen.
Peter Paulmichl: Häufig schwierig ist einfach, ich komme schon wieder auf Behinderung zu sprechen, dass wir verschiedene Formen von Behinderungen haben. Bei uns sind Menschen mit einer Lernbehinderung, geistig behinderte Menschen, aber auch psychisch behinderte Menschen. Alle kommen an den gleichen Arbeitsort. Dabei kommt man häufig an einen Punkt, wo es Konflikte geben kann. Ein Beispiel: Ein Mensch mit einer psychischen Behinderung, der vorübergehend eine psychische Krankheit hat, vielleicht für ein paar Jahre nicht in den „normalen“ Arbeitsprozess kann, kommt so zu uns arbeiten. Er fühlt sich dann häufig am falschen Ort mit Menschen mit einer geistigen Behinderung zusammen. Umgekehrt kann der geistige Behinderte auch überfordert werden von einem Menschen mit einer psychischen Behinderung. Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Ein weiterer Punkt ist die Zusammenarbeit mit den aussenstehenden Stellen. Sehr häufig werden private Probleme zu uns hinein getragen. Es ist immer wieder eine Herausforderung für den Teamleiter/Gruppenleiter mit Eltern, Wohnheim, Vormund oder mit Behörden zusammenzuarbeiten und dann gemeinsam mit unserem Mitarbeitenden ein Problem zu lösen.
Grundsätzlich ist es natürlich ja in der freien Wirtschaft so, dass ein Arbeitgeber nicht zwingend Menschen mit einer Behinderung beschäftigt. Bei uns ist es der klare Auftrag solche Arbeitsplätze anzubieten. Aber auch wir kommen nicht darum herum Unterstützung zu beziehen. Zum einen natürlich vor allem von unseren Kunden. Es sind die Kunden, die uns in der Eingliederungstätte in Reinach durch ihre Aufträge das Arbeiten ermöglichen. Aufträge im Bereich Montage, Ausrüstung oder Verpackung sowie Mechanik, die wir für Kunden aus dem lokalen Gewerbe erledigen können. Das ist die eine Seite. Andererseits sind wir insofern auf Unterstützung der freien Wirtschaft angewiesen, wenn es darum geht, jemanden im Sinne von Jobcoaching für ein Arbeitstraining zu plazieren, natürlich von uns begleitet. Da bedarf es Unternehmer, die Bereitschaft zeigen, solche Menschen für eine gewisse Zeit aufzunehmen oder sie gar allenfalls später in ihrem Unternehmen zu integrieren. Nicht nur wir, sondern grundsätzlich auch die sozialen Institutionen, sind ganz stark auf Unternehmer angewiesen, die die Bereitschaft haben, Menschen mit einer Behinderung in ihrem Betrieb zu beschäftigen. Unterstützung haben wir natürlich immer wieder von Menschen, die uns Fahrräder bringen. Das sind Spenden in dem Sinne, dass Menschen, die ihre Fahrräder nicht mehr brauchen, uns diese schenken. Zum Finanziellen muss man erwähnen, das Ziel ist es, dass integrative Arbeitsplätze unter dem Strich günstiger sein sollen, als vielleicht ein Arbeitsplatz in einer geschützten Werkstatt. Schlussendlich finanzieren wir uns über unsere Produktionserträge und zu einem kleinen Teil noch über Subventionen, denn ohne Subventionen ist es nicht möglich, solche Arbeitsplätze einzurichten. Gundsätzlich würde ich sagen, für einen Unternehmer ist es ein Versuch wert, einem Menschen mit einer Behinderung das Arbeiten in seinem Betrieb zu ermöglichen. Denn mit dieser Bereitschaft bekommt der Unternehmer von allen Seiten Unterstützung. Sei das nun durch ein Jobcoaching, sei das durch finanzielle Unterstützung durch die IV. Wenn Arbeitgebende diesen Schritt wagen, bietet sich eigentlich im Umfeld grosse Hilfe an. Ein Tipp: Man sollte sich vielleicht mal nicht auf die Behinderung konzentrieren, sondern sich sagen, dass dieser Mensch jetzt vom Intellekt her nicht das bringen kann, was man von einem sogenannt Normalen erwartet. Dass er aber genauso seine Fähigkeiten besitzt. Jemand der bei uns gut Fahrräder flicken kann, macht das auch genauso gut bei einem neutralen Fahrrad-Mechaniker. Das wäre mal ein Appell, dass man probieren sollte, die Menschen von den Ressourcen aus zu sehen, und nicht von der Behinderung her. Es soll nicht so sein, dass dadurch höhere Kosten entstehen, sondern es sollte sich eine Win-Win-Situation ergeben. Ich denke, in unserer Region gibt es heute schon gute Modelle, in denen ein Unternehmer schlussendlich auf lukrative Art und Weise mit einem Menschen mit einer Behinderung zusammenarbeiten kann.